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Klemmkraft verstehen:
Wie aus der gemessenen Schraubendehnung die wirkende Klemmkraft wird

In sicherheitskritischen Schraubverbindungen ist die Vorspannkraft die entscheidende Größe. Sie wirkt in der Schraube und ist für die Funktionsfähigkeit der Verbindung verantwortlich. Doch in vielen Anwendungen ist die Vorspannkraft nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist letztlich die Klemmkraft, also die Kraft, mit der die beiden Bauteile tatsächlich zusammengehalten werden. Zwischen beiden Größen gibt es einen klaren Zusammenhang – aber auch deutliche Unterschiede. Dieser Artikel erklärt anhand des klassischen Verschraubungsdiagramms, wie Vorspannkraft und Klemmkraft zusammenhängen, warum Klaffungen im Flansch auftreten können und wie sensorische Schrauben durch kontinuierliches Monitoring ermöglichen, aus der gemessenen Dehnung in der Schraube auf die real wirkende Klemmkraft zu schließen.

Highlights

Vorspannkraft und Klemmkraft sind nur im idealen, planparallelen Flansch identisch – im realen Betrieb können sie sich durch Setzen, Verzug und dynamische Lasten deutlich auseinanderentwickeln.

Sinkt die Klemmkraft, verschiebt sich die Lastverteilung: Die Schraube übernimmt zunehmend mehr Dynamik, bis lokale Klaffung das Systemverhalten schlagartig verändert.

Monitoring zeigt diese Übergänge frühzeitig – über die Veränderung des Kraftsignals, insbesondere seiner dynamischen Anteile, lange bevor Schäden oder Flanschöffnungen sichtbar werden.

Schraubenvorspannung und Klemmkraft


Die Vorspannkraft ist die axial wirkende Kraft in der Schraube. Sie entsteht beim Anziehen der Verbindung und erzeugt eine elastische Längung des Schraubenschafts.

Die Klemmkraft dagegen ist die Kraft, die zwischen den zu verbindenden Bauteilen tatsächlich wirkt. Sie stellt den Reibschluss sicher und verhindert das Öffnen der Fuge. 

Verschraubungsdiagramm, Federsteifigkeiten und Actio = Reactio

In der VDI 2230 wird das Verschraubungsdiagramm als Grundmodell beschrieben, das zeigt, wie sich Lasten zwischen Schraube und Flansch verteilen. Schraube und Bauteile werden dabei als lineare Federn modelliert: die Schraube als Zugfeder mit der Federsteifigkeit c_s, die zusammengepressten Platten als Druckfeder mit der Federsteifigkeit c_p.

Beim Anziehen der Schraube gilt Actio = Reactio: Die Vorspannkraft in der Schraube ist betragsgleich zu der Kraft, mit der die Platten gegeneinander gepresst werden. Die Schraube wird gedehnt, die Platten werden gestaucht. In einem idealisierten, planparallelen Flansch entspricht die Vorspannkraft deshalb der Klemmkraft.

Das Verschraubungsdiagramm zeigt, wie sich eine zusätzliche äußere Kraft auf diese beiden Federn verteilt. Wird eine äußere Zugkraft auf die Verbindung aufgebracht, erhöht sich die Schraubenkraft und die Klemmkraft in den Platten nimmt ab. Die Höhe dieser Zu- bzw. Abnahme hängt direkt vom Verhältnis der Federsteifigkeiten von Schraube und Platten ab. Vereinfacht ausgedrückt: Je steifer die Platten im Vergleich zur Schraube sind, desto kleiner ist der Anteil der äußeren Last, den die Schraube aufnimmt.

In der Praxis ist es häufig wünschenswert, die Platten möglichst steif und die Schraube im Vergleich dazu möglichst flexibel auszulegen.

Typische Risiken und Fehlannahmen in der Praxis


In vielen Anwendungen wird davon ausgegangen, dass eine hohe Vorspannkraft automatisch eine hohe Klemmkraft bedeutet – und dass diese Klemmkraft über die Lebensdauer der Verbindung weitgehend konstant bleibt. Es gibt mehrere typische Situationen, in denen diese Annahmen nicht stimmen.

Klaffung im Flansch

Wenn sich der Flansch unter Last öffnet, entsteht ein Luftspalt. Im Verschraubungsdiagramm entspricht das dem Zustand, in dem die Klemmkraft im Bauteil auf null abgesunken ist. Die Schraube trägt dann noch Zugkraft, die Platten sind aber an der betrachteten Stelle nicht mehr geschlossen. In diesem Zustand verliert die Verbindung ihre Funktionsfähigkeit, obwohl die Schraube formal noch eine nennenswerte Kraft trägt. Genau dieser Übergang vom „noch geschlossen“ zu „klaffend“ ist in vielen Anwendungen kritisch.

Setzen und Relaxation

Setzvorgänge in den Kontaktflächen – etwa durch Beschichtungen, Rauheiten, Dichtungen oder Mikroplastizität – führen dazu, dass sich die Stauchung der Platten verringert. Aus Sicht des Federmodells bedeutet das: Die Dehnung der Schraube nimmt ab, sowohl die Vorspannkraft in der Schraube als auch die Klemmkraft im Flansch sinken. Ohne direkte Kraftmessung bleibt dieser Prozess lange unsichtbar, weil sich das Verhalten der Verbindung äußerlich zunächst kaum verändert. In sicherheitskritischen Verbindungen ist es deshalb entscheidend, diese Vorspannkraftverluste über Messdaten zu quantifizieren und nicht nur zu vermuten.

Dynamische Lasten

Wechselnde äußere Lasten teilen sich im System Schraube/Platten entsprechend dem Verhältnis der Federsteifigkeiten auf. Die Schraube „sieht“ nur den Anteil der dynamischen Last, der ihrer Steifigkeit im System entspricht. Gleichzeitig nimmt die Klemmkraft um einen größeren Betrag ab, wenn die Platten in Zugrichtung auseinandergezogen werden. Das bedeutet: Schon vergleichsweise moderate äußere Lastspiele können dazu führen, dass die Klemmkraft in den kritischen Lastspitzen auf sehr niedrige Werte absinkt, obwohl die Zunahme der Schraubenkraft scheinbar noch unkritisch ist. Ohne Kenntnis der tatsächlichen Lastpfade und des Steifigkeitsverhältnisses werden diese Effekte häufig unterschätzt.

Nicht planparallele Oberflächen im Flansch

In der Praxis sind Flansche und Platten nicht immer ideal planparallel. Schweißverzüge, Verformungen durch Fertigung oder Montage und lokale Durchbiegungen können dazu führen, dass der Flansch vor dem Anziehen der Schrauben „verzogen“ ist. In diesem Fall arbeitet die Vorspannung der Schraube zunächst gegen die Verformung des Flansches: Die Schraube zieht den Flansch in Richtung Planparallelität, bevor überhaupt eine gleichmäßige Klemmung anliegt.

Im Extremfall kann die Schraube korrekt nach Vorgabe vorgespannt sein, während der Flansch an der Stelle der Schraube noch nicht vollständig geschlossen ist. Das bedeutet, dass die lokale Klemmkraft in diesem Bereich deutlich geringer ist als es die Schraubenkraft vermuten lässt. Solche Situationen lassen sich im klassischen Verschraubungsdiagramm nur eingeschränkt abbilden, sind aber in der Praxis hochrelevant, insbesondere bei großen Flanschdurchmessern, geschweißten Konstruktionen und ungleichmäßigen Auflagerbedingungen.

Temperaturwechsel

Temperaturwechsel können die Vorspannkraft beeinflussen, wenn Schraube und Bauteile unterschiedliche thermische Ausdehnungskoeffizienten oder stark unterschiedliche Temperaturverläufe aufweisen. In reinen Stahl-Stahl-Systemen ist dieser Effekt meist geringer als in Mischbauweisen (z. B. Stahl-Aluminium). Trotzdem können lokale Temperaturgradienten oder ungleichmäßige Erwärmung dazu führen, dass sich die Lastverteilung zwischen Schraube und Platten verschiebt. Ob Temperaturwechsel eine dominante Rolle spielen, hängt stark vom konkreten Anwendungsfall ab.

Was Messungen zeigen – von der Schraubendehnung zur Klemmkraft

Sensorische Schrauben messen die Vorspannkraft direkt über die Dehnung des Schraubenschafts. Diese Messung ist physikalisch eindeutig: Die elastische Längung der Schraube ist direkt proportional zur Schraubenkraft, solange die Streckgrenze nicht überschritten wird.

Aus der gemessenen Schraubenkraft lässt sich über das Verschraubungsdiagramm die Klemmkraft ableiten, sobald die Federsteifigkeiten von Schraube und Bauteil bekannt sind. Beide Werte können – aus Geometrie und Materialeigenschaften berechnet,

  • im Rahmen eines einmaligen Versuchs (z. B. an einer Testverschraubung) ermittelt oder

  • aus normativen Annahmen abgeleitet werden.

Mit diesen Steifigkeiten ergibt sich im linearen Bereich:

  • Die Änderung der Schraubenkraft ist der Anteil der äußeren Last, den die Schraube übernimmt.

  • Die Änderung der Klemmkraft ist die entsprechende negative Änderung im Bauteil unter Berücksichtigung der jeweiligen Federsteifigkeiten.

Solange die Klemmkraft größer null bleibt, ist der Flansch geschlossen und der Reibschluss wirksam. Wenn die Klemmkraft gegen null geht, beginnt der Flansch zu klaffen – der Punkt, an dem die Verbindung ihre ursprüngliche Funktion verliert. Die Kenntnis der tatsächlichen Schraubenkraftverläufe erlaubt damit, den Zustand des Flansches indirekt, aber mit klar definierbarer Unsicherheit zu bewerten.

Verlauf der Schraubenkraft in einer Ringflanschverbindung nach Installation

Warum kontinuierliches Monitoring entscheidend ist

In dynamischen Anwendungen ist das Verhalten von Flanschen und Schrauben oft nicht streng linear. Setzen, lokal wechselnde Kontaktbedingungen, Temperaturwechsel, Biegungen und wechselnde Lasten führen zu zeitabhängigen Veränderungen der effektiven Federsteifigkeiten und der Vorspannkraft. Diese Effekte sind im Zeitpunkt der Montage nur begrenzt abschätzbar.

Echtzeitüberwachung der Vorspannkraft

Die tatsächliche Schraubenkraft wird permanent erfasst. Dadurch werden Lastspitzen, Vorspannkraftverluste durch Setzen und Relaxation sowie Änderungen durch dynamische Belastungen direkt sichtbar. Anstatt nur das Montageergebnis zu dokumentieren, wird das Betriebsverhalten der Verbindung transparent.

Ableitung der Klemmkraft aus den Messwerten

Auf Basis des Verschraubungsdiagramms kann Sensorise aus der gemessenen Schraubendehnung die Klemmkraft ableiten – unter Berücksichtigung der bekannten oder kalibrierten Federsteifigkeiten. Damit lässt sich erkennen, wann sich die Klemmkraft einem kritischen Bereich nähert, obwohl die Schraubenkraft absolut gesehen noch im zulässigen Bereich liegt.

Frühwarnsystem für Klaffung und ungleichmäßige Klemmung

Wenn die Klemmkraft in bestimmten Lastsituationen gegen null geht oder wenn sich aus der Entwicklung der Schraubenkraft auf eine ungleichmäßige Klemmung im Flansch schließen lässt (z. B. durch Verzug oder nicht planparallele Auflageflächen), kann der Betreiber frühzeitig reagieren. Wartungsmaßnahmen lassen sich einleiten, bevor es zu sichtbaren Schäden, Leckagen oder Flanschöffnungen kommt.

Bedeutung für Betreiber

Die Fähigkeit, nicht nur die Schraubenkraft, sondern daraus abgeleitet auch die Klemmkraft und deren Entwicklung im Betrieb zu kennen, verändert die Art, wie Betreiber Schraubverbindungen betrachten. Anstelle statischer Annahmen treten belastbare Messdaten und modellbasierte Ableitungen.

Betreiber können:

  • Wartung gezielt planen, basierend auf realen Kraftverläufen statt auf starren Intervallen.

  • kritische Lastsituationen quantitativ bewerten.

  • Flansche und andere hochbelastete Verbindungen sicherer betreiben.

  • Inspektions- und Prüfkosten reduzieren, indem klassische Drehmomentprüfungen und rein visuelle Kontrollen durch datenbasierte Bewertungen ergänzt oder ersetzt werden.

  • die mechanische Sicherheit und die Einhaltung interner oder regulatorischer Anforderungen dokumentierbar nachweisen.

Ausblick und Kontakt

Die Klemmkraft bestimmt, ob ein Flansch geschlossen bleibt und seine Funktion erfüllt. Die Vorspannkraft allein gibt darüber keine vollständige Auskunft – insbesondere nicht über die gesamte Lebensdauer einer Verbindung. Durch die kontinuierliche Messung der Schraubenkraft und die daraus abgeleitete Bewertung der Klemmkraft lässt sich der tatsächliche Zustand einer Schraubverbindung deutlich präziser beurteilen als mit klassischen Verfahren.

Wenn Sie wissen möchten, wie sich dieses Konzept auf Ihre Anwendung übertragen lässt – insbesondere bei hochbelasteten Flanschverbindungen, Großschrauben und dynamisch beanspruchten Anlagen – sprechen Sie uns gern an.

Was ist Ihre Anwendung?

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Sensorise GmbH

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