top of page

Monitoring geschraubter Verbindungen – Ursachen für Vorspannkraftverlust und warum Schraubenmonitoring im Betrieb wichtig ist

In vielen Anlagen ist die sichere Funktion von Flanschverbindungen und Schraubverbindungen entscheidend: Turmflansche und Rotorblattverschraubungen (Blattbolzen) in Windenergieanlagen, Kranbahnverbindungen, Stahlbauknoten, Schornsteine oder Prozessflansche in der Chemie und Petrochemie. In all diesen Fällen hängt die strukturelle Sicherheit fast vollständig von der wirkenden Vorspannkraft in den Schrauben ab.
 
In der Konstruktion wird die Vorspannkraft definiert, berechnet und über Montageverfahren (Drehmoment, Drehmoment‑Drehwinkel, ziehendes Verfahren) eingebracht. Im Betrieb weicht die reale Vorspannkraft jedoch oft deutlich von diesen Sollwerten ab. Betreiber, die Flanschverbindungen überwachen oder die Vorspannkraft überwachen wollen, sehen in der Praxis Vorspannkraftverluste, lockere Schrauben, erhöhte Prüfaufwände und teilweise unerwartete Undichtigkeiten.
Monitoring geschraubter Verbindungen – also ein kontinuierliches Schraubenmonitoring oder Condition Monitoring von Schraubverbindungen – zielt darauf ab, die tatsächliche Schraubenkraft und ihre Veränderung im Betrieb zu erfassen. Dieser Artikel beschreibt die wichtigsten technischen Ursachen für Vorspannkraftverlust und typische Probleme, die ohne Monitoring schwer zu erkennen sind.

Highlights

Vorspannkraftverluste entstehen unsichtbar – oft schon kurz nach der Montage.

Setzen, Relaxation, Temperatur und Dynamik führen zu erheblichen Kraftverlusten, die ohne Messung nicht erkannt werden.

Typische Probleme wie Undichtigkeiten, Lockerungen und hohe Prüfaufwände sind die direkte Folge.

Flanschöffnungen, Nachziehbedarf und unklare Sicherheitsreserven entstehen, weil die reale Schraubenkraft im Betrieb unbekannt bleibt.

Kontinuierliches Schraubenmonitoring macht Kraftverläufe sichtbar und schafft echte Betriebssicherheit.

Monitoring zeigt Setzen, Temperaturzyklen, Lastumschichtungen und dynamische Kräfte – und ermöglicht zustandsorientierte Wartung statt starrer Intervalle.

Mechanismen, die zu Vorspannkraftverlusten führen

Setzen und Relaxation nach der Montage

Unmittelbar nach der Montage beginnen Setzvorgänge: Dichtungen, Beschichtungen und Kontaktflächen passen sich an, Rauheiten werden eingeebnet. Dadurch verliert die Schraube einen Teil der eingebrachten Vorspannkraft, ohne dass von außen etwas sichtbar ist. In vielen Fällen kann der Vorspannkraftverlust in den ersten Stunden und Tagen mehrere 10 % betragen. Betreiber, die Schrauben nach kurzer Zeit nachziehen müssen, erleben genau diesen Effekt.

Temperatureinflüsse in Flanschverbindungen

An Schornsteinflanschen, Abgasleitungen von Blockheizkraftwerken, Prozessflanschen oder Heißgasleitungen wirken hohe Temperaturzyklen. Schraube, Flansch und Dichtung dehnen sich unterschiedlich aus. Bei jedem Aufheizen und Abkühlen ändern sich damit die Schraubenkraft und die Klemmkraft in der Flanschverbindung. Über viele Zyklen kann sich der Mittelwert der Vorspannkraft schleichend nach unten verschieben.

Dynamische Belastungen

In Windenergieanlagen wirken wechselnde Windlasten, Biege- und Torsionsmomente auf Bolzen in Turmflanschen und Rotorblattverschraubungen. In Kranbahnen und Stahlbauknoten entstehen dynamische Lastkollektive aus Fahr- und Bremsvorgängen. In großen Maschinen treten Vibrationen und variable Prozesslasten auf. Diese dynamischen Kräfte verursachen Mikrobewegungen in der Schraubverbindun, was langfristig zu Reibverschleiß und zusätzlichem Vorspannkraftverlust führt.

Lastumschichtungen im Flansch

In realen Flanschen ist die Lastverteilung selten ideal. Fertigungstoleranzen, unterschiedliche Steifigkeiten, ungleichmäßige Auflageflächen oder lokale Verformungen können dazu führen, dass einzelne Schrauben deutlich höher belastet werden als andere. Die betroffenen Schrauben arbeiten mit höherer Schraubenkraft, andere mit niedrigerer. Ohne Monitoring bleibt diese ungleiche Kraftverteilung unsichtbar.

Reibwertstreuung bei der Montage

Viele Betreiber verlassen sich auf eine definierte Montagevorschrift (z. B. Anzugsdrehmoment). Das Verhältnis zwischen Drehmoment und Vorspannkraft ist jedoch stark reibwertabhängig. Unterschiede in Schmierung, Beschichtung, Korrosionszustand oder Gewindequalität führen zu einer erheblichen Streuung der erreichten Vorspannkraft. Eine Schraubengruppe beginnt damit bereits mit unterschiedlichen Schraubenkraftniveaus in den Betrieb.

Veränderungen der Klemmkraft

Neben der reinen Schraubenkraft ist die Klemmkraft, mit der die Flanschflächen zusammengehalten werden, entscheidend. Durch Setzen, Dichtungsfluss, Beschichtungsabbau oder Korrosion kann die Klemmkraft schneller abnehmen als die Schraubenkraft. Eine ausführliche Betrachtung des Zusammenhangs von Vorspannkraft und Klemmkraft erfolgt im separaten Artikel „Vorspannkraft vs. Klemmkraft“.

Typische betriebliche Probleme an Schraubverbindungen

Undichte oder kritische Flanschverbindungen

In thermisch und mechanisch hoch belasteten Flanschverbindungen (z. B. Prozessflansche, Schornsteinflansche, Abgasleitungen) führt sinkende Klemmkraft zu lokalen Flanschöffnungen. Betreiber nehmen dies als Undichtigkeiten, erhöhte Leckrate oder Auffälligkeiten in Dichtheitsprüfungen wahr. Ein Monitoring der Flanschverbindung kann zeigen, wie die Schraubenkraft im Betrieb abnimmt und ab welchem Punkt kritische Zustände auftreten.

Lockernde Schrauben und Nachziehbedarf

An Kranbahnverbindungen, Stahlbauknoten oder Rotorblattbolzen in Windkraftanlagen treten Fälle auf, in denen Bolzen bei Inspektionen deutlich nachgezogen werden müssen oder sichtbare Bewegungen aufweisen. Ursache sind meist kombinierte Effekte aus Dynamik, Setzen und ungleichmäßiger Lastverteilung. Ohne Schraubenmonitoring bleibt unklar, wann und wie schnell dieser Zustand entstanden ist.

Hoher Aufwand für regelmäßige Drehmomentprüfungen

Wo Prüfvorschriften jährliche oder häufigere Drehmomentprüfungen vorschreiben, müssen Schrauben mit hohem Aufwand kontrolliert werden. Das betrifft z. B. Schornsteinflansche an BHKW, kritische Stahlbauverbindungen oder Windenergieanlagen. Die Drehmomentprüfung liefert jedoch nur eine Momentaufnahme und beeinflusst die Vorspannkraft selbst. Betreiber, die eine Alternative zur reinen Drehmomentprüfung suchen, stoßen hier auf Monitoringlösungen, mit denen sich die Schraubenkraft über die Zeit verfolgen lässt.

Unklare Sicherheitsreserven

In vielen Bestandsanlagen ist unklar, welche Sicherheitsreserven die vorhandenen Schraubverbindungen tatsächlich haben. Die Berechnungen liegen Jahre zurück, die Anlagen wurden mehrfach umgebaut, Lasten haben sich erhöht, Betriebsbedingungen geändert. Ohne Kenntnis der realen Schraubenkraft im Betrieb bleibt die Bewertung der Reserven spekulativ.

Gründe für Monitoring geschraubter Verbindungen

Monitoring geschraubter Verbindungen – oft als Schraubenmonitoring oder Monitoring von Flanschverbindungen bezeichnet – bietet Betreibern mehrere technische und organisatorische Vorteile:

  • Transparente Darstellung der Schraubenkraftentwicklung nach Montage

  • Erkennung von Vorspannkraftverlusten durch Setzen und Temperaturzyklen

  • Identifikation dynamischer Belastungen in Schrauben und Flanschen

  • Bewertung der Lastverteilung in Schraubengruppen (z. B. Turmflansch, Kranbahn)

  • Grundlage für zustandsorientierte anstelle rein intervallbasierter Prüfungen

  • Reduzierung der Abhängigkeit von wiederkehrenden Drehmomentprüfungen

  • Unterstützung bei der Bewertung von Sicherheitsreserven und Restlebensdauer

Monitoring ergänzt damit klassische Prüfverfahren und dient als Grundlage für ein Condition Monitoring von Schraubverbindungen, insbesondere bei M36+ Schrauben und sicherheitskritischen Verbindungen.

Relevante Messgrößen im Schraubenmonitoring

Schraubenkraft

Die zentrale Messgröße im Monitoring ist die wirkende Schraubenkraft. Sie gibt an, welche Zugkraft im Schraubenschaft tatsächlich vorhanden ist. Über den Verlauf der Schraubenkraft können Setzvorgänge, thermische Effekte und Änderungen durch dynamische Belastung erkannt werden.

Dynamische Kraftanteile

Neben dem statischen Kraftniveau sind dynamische Anteile (Schwingungen, Lastspitzen, Lastkollektive) relevant. Sie geben Aufschluss darüber, wie stark eine Schraubverbindung im Betrieb wechselnden Lasten ausgesetzt ist und ob sich das Verhalten im Laufe der Zeit verändert.

Zusammenhang zu Klemmkraft und Flanschverhalten

Aus der Schraubenkraft und den Steifigkeiten von Schraube und Flansch lässt sich das Verhalten der Klemmkraft ableiten. Änderungen in den Kraftsignalen können darauf hinweisen, dass Flansche lokal öffnen oder Lastpfade sich verlagern. Die theoretischen Grundlagen dazu werden im Artikel „Vorspannkraft vs. Klemmkraft“ behandelt.

Schraubenkraft Plot.png

Grenzen klassischer Prüfverfahren im Vergleich zu Monitoring

Klassische Montage- und Prüfverfahren eignen sich nicht zur dauerhaften Überwachung von geschraubten Verbindungen. Eine ausführliche Beschreibung findet sich im Artikel "Methoden zur Vorspannkraftmessung". 

Drehmomentprüfung

Prüft primär das Drehmoment, nicht die tatsächliche Schraubenkraft. Stark abhängig vom Reibwert, liefert nur Einzelmessungen und verändert ggf. die Vorspannkraft.

Ultraschallprüfungen an Schrauben

Können Vorspannkraft punktuell bestimmen, sind aber aufwändig, temperatur- und kopplungsmittelabhängig und in der Regel nicht für kontinuierliches Monitoring ausgelegt.

Sicht- und einfache Funktionsprüfungen

Erfassen keine inneren Kraftzustände. Viele Vorspannkraftverluste bleiben unentdeckt, solange keine offensichtlichen Schäden oder Undichtigkeiten auftreten.

FAQ

Anwendungsgebiete mit hohem Nutzenpotenzial

Monitoring geschraubter Verbindungen ist insbesondere dort sinnvoll, wo:

  • große Schrauben (typisch M36, M42, M48, M64 und größer) eingesetzt werden

  • sicherheitskritische Flanschverbindungen vorhanden sind

  • dynamische Lasten und Temperaturzyklen auftreten

  • Schrauben schwer zugänglich sind oder hohe Stillstandskosten verursachen

Typische Anwendungsbeispiele:

  • Turmflansche und Übergangsstücke von Windenergieanlagen

  • Rotorblattverschraubungen (Blattbolzen) mit hoher dynamischer Beanspruchung

  • Kranbahnverbindungen und hochbelastete Stahlbauknoten

  • Schornsteinflansche und Abgasflansche in BHKW und Kraftwerken

  • Prozessflansche in Chemie, Petrochemie und Raffinerien

  • Großmaschinenbau (Brecher, Mühlen, Walzwerke)

 

Fazit

Vorspannkraftverluste und veränderte Lastverteilungen in geschraubten Verbindungen sind eine zentrale Ursache für Undichtigkeiten, lockere Schrauben, erhöhte Prüfaufwände und sicherheitskritische Zustände. Die zugrunde liegenden Mechanismen – Setzen, Temperaturzyklen, dynamische Belastung und Lastumschichtung – wirken kontinuierlich und sind ohne Messung kaum zu erfassen.

Monitoring geschraubter Verbindungen liefert Betreibern eine direkte Sicht auf die wirkende Schraubenkraft und deren zeitliche Entwicklung. Es schafft die Grundlage, Flanschverbindungen, Turmflansche, Blattbolzen oder Schornsteinflansche nicht mehr nur über Drehmomentprüfungen und Sichtkontrollen zu bewerten, sondern über reale Messdaten. Für kritische Schraubverbindungen und große Schrauben ist Schraubenmonitoring daher ein wesentlicher Baustein für einen sicheren und wirtschaftlichen Anlagenbetrieb.

Was ist Ihre Anwendung?

Kontaktieren Sie uns

Sensorise GmbH

Fahrenheitstraße 1

28359 Bremen

Deutschland

+49 (0)421 220 834 0

  • Linkedin
bottom of page